Mein Problem mit sozialen Netzwerken

Ich habe zahllose soziale Netzwerke engagiert genutzt und war bei manch einem Service voller Euphorie sogar seit Alpha- und Betatests angemeldet. Bei Twitter hatte ich zeitweise mehr als 20 aktive Accounts gleichzeitig, bei YouTube hatte ich unterschiedliche Kanäle, bei Facebook eröffnete und schloss ich zahlreiche Seiten für verschiedene Projekte, bei Instagram betreibe ich sogar aktuell mehrere aktive Accounts. Trotzdem habe ich ein wahnsinnig großes Problem mit sozialen Netzwerken. Schon wieder.

Informationen einer Community

Ein soziales Netzwerk ist ein Onlinedienst, der die Möglichkeit zu Informationsaustausch und Beziehungsaufbau bietet. Eine dadurch entstehende Online-Community kommuniziert und interagiert entsprechend den Möglichkeiten der jeweiligen Plattform im virtuellen Raum.

Wikipedia

Diese ersten Sätze, mit der Wikipedia die Beschreibung für soziale Netzwerke beginnt, sind eigentlich das, wonach ich in sozialen Netzwerken auch wirklich suche. Ich möchte mich mit anderen austauschen, Informationen erhalten, Freundschaften knüpfen und wenn möglich auch noch etwas lernen oder anderen helfen.

Meine euphorischen Anfänge

Besonders bei Twitter hatte ich von 2006 bis so ungefähr 2011 einen großen Teil von Leuten kennen und schätzen gelernt, die in irgendeiner Form nicht nur auf meiner Wellenlänge waren, sondern ganz individuell bis heute wahnsinnig interessante und wertvolle Menschen für mich sind. Gerade in dieser Zeit habe ich tatsächlich über Foren und Twitter mehrere echte Freunde gefunden. Einen davon zähle ich sogar zu meinen engsten und besten Freunden, obwohl wir uns aus endlosen Gründen noch nie außerhalb des virtuellen Raumes treffen konnten.

Erste Zweifel

Seit 2011, das ist zumindest meine persönliche Wahrnehmung, haben sich nicht nur Twitter sondern auch andere Netzwerke, allen voran Facebook, sehr stark gewandelt. Abgesehen davon, dass sämtliche Netzwerke immer stärker von Werbung durchdrungen wurden, auch die Strukturen veränderten sich immer stärker. Es wurde immer häufiger versucht anderen Handlungen und Dinge vorzuschreiben. Ein Beispiel, das sich mir massiv eingebrannt hatte, war folgender Satz: „Twitter ist kein Chat!“ Häufig gefolgt von einer Aufforderung mal solle sich gegenseitig private Nachrichten schreiben. Aber damit schloss man sich selbst in ein kleines Separee ein und potentiell interessierte Gesprächspartner aus. Der Austausch wurde zunehmend unpersönlicher. Meine Antwort darauf lautete früher noch relativ selbstbewusst: „Twitter ist das, was du daraus machst!“

Trotzdem wurde nach und nach mehr Wert auf die Anzahl der sogenannten Follower, Freunde oder Abonnenten gelegt. Retweets, Likes, Herzen und ähnliches wurde zur neuen Währung. Interessante Inhalte, Informationen, Gedanken oder Denkansätze waren nicht mehr gefragt, wenn man sie nicht mittels Polemik, dramatische oder aufregende Bilder oder Aufmerksamkeit erregende GIFs aufmotzte.

Schließlich begannen sämtliche Dienste damit, mir neben den Posts der Personen oder Dienste, denen ich folgte, auch noch zu zeigen, was sie mit der jeweiligen Aufmerksamkeitswährung bedachten. So sah ich immer öfter Posts von Accounts, denen ich gar nicht folgte. Und als dann gesponserte Posts dazukamen, hatte ich das Gefühl wehrlos einer Lawine von Posts ausgeliefert zu sein, aber selbst gar nicht mehr beachtet zu werden.

Katzenwäsche statt groß Reinemachen

2016 habe ich bereits ein erstes Mal einige meiner unbenutzten oder eingestellten Webseiten und Accounts gelöscht. 2017/18 habe ich dann noch energischer einen Schnitt gemacht und eine Zeit lang eine Art „Digital Detox“ versucht. Dabei habe fast alle Accounts für eine gewisse Zeit deaktiviert und alle gelöscht, die ich nach einer gewissen Zeit nicht mehr vermisst habe. Unter anderem war dabei einer der besten Entscheidungen meinen Facebook-Account nicht nur zu deaktivieren, sondern komplett zu löschen.

Nach und nach testete ich vorsichtig wieder die verbliebenen Accounts. Und bei einigen war mir auch wichtig den Account-Namen zu behalten, aber die Inhalte zu entfernen. Ich habe dabei unter anderem meinen allerersten Twitter-Account komplett gelöscht und mich sofort wieder unter demselben Namen angemeldet. Der Account ist auf privat gestellt, es gibt keinerlei Inhalte und auch nur zwei Follower. Andere Accounts habe ich umbenannt, wieder andere nur aus Sentimentalität behalten. Allerdings flog die App von meinem Smartphone und alle Benachrichtigungen hatte ich deaktiviert.

Bei Facebook hatte ich einen neuen Account angelegt und nur noch wirklich enge Freunde und Familie angefragt oder angenommen. Und trotzdem habe ich ständig Hinweise auf Meldungen, Aktionen oder Veranstaltungen gezeigt bekommen, die für mich absolut irrelevant waren. Aus beruflichen Gründen und der Verknüpfung zu Instagram, habe ich meinen Account aber nach wie vor behalten.

Instagram ist auch jetzt noch eine Plattform, die mir teilweise wirklich viel Freude machen kann. In meiner Filterblase sehe ich zumindest wenig oder selten Dinge, über die ich mich ärgere. Vor einiger Zeit fand ich meinen persönlichen Instagram-Account etwas zu unübersichtlich und chaotisch. Als Maßnahme habe ich mir dann überlegt, einen zweiten Account zu erstellen, der sich vorrangig mit meiner Leidenschaft für Naturphotographie sowie dazu passender Ausrüstung und Technik beschäftigt. Dort lebe ich meine Kreativität wirklich aus. Außerdem ist Instagram für mich das einzige Netzwerk, bei dem ich überhaupt noch mit anderen Usern tatsächlich kommuniziere. Und das tatsächlich auch auf einer wirklich persönlichen Ebene.

Andererseits habe ich aufgehört Content speziell für YouTube zu erstellen und habe fast alle meine Kanäle und Inhalte gelöscht. Auch dabei konnte ich mich aus Sentimentalität nicht von allen Kanälen, dennoch aber von enorm vielen Inhalten mühelos trennen. YouTube ist eine Plattform, die ich mittlerweile nur noch als Konsument nutze.

Ich kann nicht behaupten, dass ich in den letzten Jahren nicht weitere tolle Freundschaften durch das Internet knüpfen konnte, aber ausschlaggebend waren dafür eher wie ganz früher auch schon Foren oder Blogs. Natürlich haben es soziale Netzwerke einfacher gemacht, sich miteinander zu vernetzen, aber war es früher Skype, ICQ oder der MSN-Messanger, ist heute Telegram, iMessage, immer noch Skype oder zur Not auch WhatsApp letztlich das häufigste Kommunikationsmittel. Die Funktion der privaten Nachrichten bei sozialen Netzwerken nutze ich viel weniger als früher und versuche wieder mehr öffentliche Kommunikation in Kommentaren zu etablieren.

Das Dilemma mit den sozialen Medien

Dieser Film, der auf Netflix seit einigen Wochen verfügbar ist, beleuchtet viele vorrangig negative Aspekte der Entwicklung von sozialen Netzwerken. Ich würde nicht behaupten, es wäre ein wirklich guter Film oder er würde alle Aspekte von sozialen Netzwerken tatsächlich ohne journalistische Schwachstellen aufdecken und dringend notwendige Veränderungen aufzeigen. Dennoch halte ich ihn als Denkanstoß für sehenswert und dieser Film hat auch etwas ganz Entscheidendes bei mir verursacht.

Jeder, der mich auch nur halbwegs kennt, hat mit Sicherheit festgestellt, dass ich ein wahrer Internet-Nerd bin. Und ich habe auch nie verheimlicht oder verharmlost, dass ich quasi süchtig nach dem Internet bin. Aber der Film hat mir plötzlich gezeigt, welche Mechanismen mich unter anderem persönlich zusätzlich abhängig von sozialen Netzwerken machen und warum ich mich immer wieder in den Sog ziehen lasse, meine Zeit unzufrieden innerhalb dieser Dienste zu verschwenden.

Außerdem wurde mir ebenfalls durch diesen Film erst bewusst, wie sehr ich immer weniger an spannenden Inhalten interessiert war, mir stattdessen wichtiger wurde, meine Accounts bekannter und größer zu machen. Habe ich früher Instagram als Art kleines Tagebuch von schönen Momenten für mich, meine Familie und Freunde genutzt, wurden mir nach und nach Zahlen immer wichtiger. Abonnenten und Likes waren mit wichtig, ich habe Bilder bearbeitet, damit sie interessanter und spannender wirkten, statt einfach den Moment und die Emotion zu transportieren.

Natürlich ist mir eine schöne Bildgestaltung als kreativer Designer oder Photograph wichtig, aber ich fand immer ein natürliches Bild emotional schöner als ein restlos aufgemotztes und verändertes Werk aus der Retusche. Beides ist Kunst, beides hat seinen Reiz, aber meine Bilder sollten was Echtes darstellen.

Ich bin aber noch weiter gegangen und habe Tools verwendet, die beispielsweise anhand meiner Nutzer berechneten, wann ein perfekter Zeitpunkt für ein Post war, weil möglichst viele meiner Follower aktiv waren. Und um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, habe ich andere Tools genutzt, die meine Bilder auf Instagram zu eben diesem Zeitpunkt posteten. Und wieder andere Tools für die perfekten Hashtags.

Und ich habe meinen persönlichen Instagram-Account auf einen Business- bzw. Creator-Account umgestellt, damit ich Statistiken von Instagram bekam, wie meine Accounts wuchsen oder wieso ein Post weniger Likes bekam. Außerdem konnte ich bezahlte Promotionen auf bestimmte Posts erstellen, die dann bei einer automatisch festgestellten Zielgruppe gezeigt wurden, wodurch wieder mehr Likes und Abos generiert wurden, damit mein Account weiter wächst. Ich habe sogar Tools genutzt, die mir anzeigten, wer mir aufhörte zu folgen oder Likes wieder deaktiviert hat, damit ich das dann auch bei demjenigen machen konnte.

Eine schmerzhafte Selbsterkenntnis

Ich bin selbst zu einem Selbstdarsteller geworden. Ich habe habe Zeit damit verschwendet, Algorithmen der sozialen Netzwerke zu verstehen und optimal für mein eigenes Wachstum anzuwenden. Ich habe sogar Geld ausgegeben, um eine größere Popularität zu erkaufen. Ich habe diese Netwerke nicht mehr aus Freude, sondern aus Ehrgeiz und potentiell kommerziellen Zielen verfolgt.

Wisst ihr noch, als ich zuvor behauptet habe, dass ich mich schon vor Jahren geärgert hatte, dass es plötzlich nur noch um die Jagd nach Aufmerksamkeit ging? Ich fand es wirklich erschreckend, als ich jetzt bemerkte, dass Selbstdarstellung und Selbstinszenierung viel wichtiger wurden als Informationen und spannende Inhalte. Noch erschreckender war aber die Selbsterkenntnis, dass ich auch in diesem Sumpf gelandet und ein aktiver Teil davon geworden bin. Ich selbst habe mich maßgeblich über Konzepte, Algorithmen, Metriken und Hilfsmittel informiert, um meine Accounts bekannter und meine Inhalte populärer zu machen. Und das habe ich erstmals wirklich erst wahrgenommen und mir selbst gegenüber eingestanden, als ich eben „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ gesehen hatte.

Neue Besen kehren gut

Also habe ich meine Freundeslisten bei Facebook durchgesehen und mir möglichst viele wichtige Kontaktdaten in mein Adressbuch eingetragen und angefangen wieder aufzuräumen. Beruflich brauche ich nach wie vor einen Account, aber persönlich werde ich Facebook nicht mehr nutzen.

Wie bereits Twitter ist jetzt auch Facebook und der Facebook Messanger von meinem Smartphone geflogen. Auch Apps, mit denen ich Posts vorbereiten und zeitlich perfekt zu möglichst hoher Erfolgsaussichten einrichten konnte oder Programme, die mich konstant mit Statistiken über Follows, Abonnenten, Likes oder das Schwinden eben solcher versorgten, wurden deaktiviert und gelöscht. Auch habe ich fast sämtliche Benachrichtigungen seitens YouTube oder Instagram deaktiviert, die nicht etwas mit Sicherheitsmaßnahmen oder ähnlichem zu tun haben.

Die Befreiung

Ich gebe es ganz ehrlich zu. Ich fühle mich besser, aber noch längst nicht endgültig befreit. Immer noch spüre ich mein Smartphone mehrfach täglich vibrieren und bin sofort versucht nachzuschauen. Und die Quote meiner eingebildeten „Phantomvibrationen“ ist noch deutlich zu hoch. Aber wenn mein Smartphone jetzt tatsächlich mal vibriert oder piepst, dann ist es wirklich ein Mensch, der tatsächlich gerade mit mir kommunizieren will.

Und durch meine Auslese ist es sogar jedes Mal ein Mensch, der mir wirklich etwas bedeutet. Das ist mir unvergleichlich viel mehr wert, als verquere Posts mit hunderten Likes von wildfremden Personen. Statt von Blödsinn einer grauen Masse aus Selbstdarstellern und Werbetreibenden erdrückt zu werden, quatsche ich doch viel lieber mit den ganzen tollen Menschen, die mich wirklich interessieren. Und wenn ein paar liebgewonnenen Menschen meine Posts gefallen, ist das viel wichtiger, als hunderte oder tausende Likes von Wildfremden. Und das muss ich wieder neu lernen.

Wie zufrieden oder glücklich seid ihr mit den sozialen Netzwerken, die ihr nutzt? Oder seid ihr deutlich vernünftiger als ich und seid dem Gruppenzwang gar nicht erst erlegen? Nutzt ihr soziale Netzwerke zum Teilen von Texten, Bildern, Videos oder Podcasts?